Das langfristige ertragskundliche Versuchswesen in Bayern

Von geglaubten Regeln zu gesichertem Wissen

Aufgrund der Langlebigkeit von Waldbäumen ist gesichertes Wissen über die Entwicklung von Einzelbäumen und Waldbeständen schwer zugänglich. Um diesem Dilemma zu entkommen, begann August von Ganghofer (von 1881 bis 1897 Leiter der Bayerischen Staatsforstverwaltung) in den 1860er Jahren mit dem systematischen Aufbau ertragskundlicher Versuchsflächen in Bayern. Zeitgleich wurde auch in Württemberg, Baden, Preußen und Sachsen mit dem Aufbau eines Versuchsflächennetzes begonnen. Als die „Schatztruhe der zentraleuropäischen Forstwissenschaft“ bezeichnete Boris Zeide, führender Forstwissenschaftler Nordamerikas, diese Flächen. Ohne solche Versuchsflächen hätte man die langfristigen Auswirkungen von Luftverunreinigungen („Waldsterben“), Stoffeinträgen („Stickstoffdüngung“) oder Klimaveränderungen nicht aufdecken können. Genauso wenig könnte man ohne langfristige Messreihen die Auswirkungen von Bewirtschaftungsmaßnahmen oder die Wahl unterschiedlicher Baumartenherkünfte abschließend analysieren.

Münchner Modell des ertragskundlichen Versuchswesens

Die in den 1860er Jahren beginnenden Versuchsanlagen zum Wachstum der Hauptbaumarten stehen in enger Wechselwirkung mit dem Beginn der forstlichen Forschung in München. Mit der Berufung von Franz von Baur, Ernst Ebermayer, Karl Gayer, Robert Hartig und Gustav Heyer zum 1. Oktober 1878 an die Staatswirtschaftliche Fakultät der Universität München nimmt die Forstwissenschaft in München ihren Anfang. Im Jahre 1881 wird mit der Gründung der Königlich Bayerischen Forstlichen Versuchsanstalt (heute: Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft, LWF) eine weitere institutionelle Grundlage für die langfristige Anlage, Erfassung und Auswertung von Versuchsflächen geschaffen. Waren die Professoren damals noch gleichzeitig Lehrstuhlinhaber an der Universität und Abteilungsleiter an der Versuchsanstalt, sind diese Aufgaben heute getrennt. Bewahrt hat sich, dass das langfristige ertragskundliche Versuchswesen gemeinsam von der Technischen Universität München und der Bayerischen Forstverwaltung getragen wird. Leiter des Versuchswesens ist der Inhaber des Lehrstuhls für Waldwachstumskunde.

Aktuell über 141 Versuche mit 885 Parzellen unter Beobachtung

Derzeit verfügt das langfristige ertragskundliche Versuchswesen in Bayern über 141 Versuche mit insgesamt 885 Versuchsparzellen und einer Gesamtfläche von 164,7 ha (Übersichtskarte der Versuchsflächen). Standen in der Gründerzeit des Ertragskundlichen Versuchswesens (1870 – 1919) Durchforstungs- und Standraumversuche in Reinbeständen im Vordergrund, so sind dies heute Mischbestands- und Verjüngungsversuche. In der Zwischenzeit lag der Fokus auf Anbau- und Provenienzversuchen sowie auf Düngeversuchen. Letztere sollten in den 1960er Jahren der Frage nachgehen, wie man die Nährstoffsituation von intensiv streugenutzten und zum Teil degradierten Standorten nachhaltig verbessern kann. Angesichts aktueller Stoffeinträge und –entzüge haben solche Versuche eine neuerliche Aktualität.

Mess- und Auswertemethoden im Wandel

In der Anfangszeit des Ertragskundlichen Versuchswesens wurde die Entwicklung von Waldbeständen bestenfalls durch die Messung von Baumdurchmesser, Baumhöhe und Alter erfasst und über Mittel- und Summenwerte (z. B. Mitteldurchmesser, Mittelhöhe, Bestandesvolumen) dargestellt. Räumliche Strukturen, die für ein Verständnis von Wirkungmechanismen im Ökosystem Wald von zentraler Bedeutung sind, wurden damals nicht erfasst. Erst in den 1950er Jahren ging man dazu über, die Position und Ausformung (z. B. Kronenform) jedes einzelnen Baumes auf den Versuchsflächen zu erfassen. Dies ermöglichte in der Folge die Entwicklung von Modellen zur Beschreibung des Baum- und Bestandeswachstums. Heute geht man in der Aufnahme der Versuchsflächen zum Teil noch einen Schritt weiter und erfasst mit dem terrestrischen Laserscanner oder hemisphärischer Fotografie Baumbestandteile bis hin zum Blatt.